Kongo – Nationalpark Nouabalé-Ndoki
Nach zehn Tagen fernab jeglicher städtischer Infrastruktur sind wir uns einig: Wir machen einen Abstecher nach Ouésso und nehmen die 50 zusätzlichen Kilometer in Kauf. Nicht nur die Aussicht auf ein bequemes Bett, etwas Komfort und kulinarische Abwechslung lockt uns dorthin. In Ouésso befindet sich außerdem die Verwaltung der Wildlife Conservation Society (WCS), einer internationalen NGO, die sich dem Schutz bedrohter Tierarten widmet und unter anderem den Nouabalé Ndoki Nationalpark verwaltet.
Ein äußerst zuvorkommender Mitarbeiter der WCS macht uns zunächst allerdings wenig Hoffnung auf einen Besuch des Parks. Normalerweise müsse eine solche Tour mindestens drei Wochen im Voraus angemeldet werden. Er gibt uns jedoch die Kontaktdaten des örtlichen Managers, den wir umgehend anschreiben. Und tatsächlich: Wir haben Glück. Ein Besuch ist möglich.
Dann wird es hektisch. Innerhalb kürzester Zeit müssen wir eine Transportmöglichkeit organisieren, unsere Fahrräder und das gesamte Gepäck unterbringen, wasserfeste Schuhe besorgen und sicherstellen, dass wir genügend Bargeld dabei haben. Bereits am nächsten Morgen geht es los.
Mit einer Piroge überqueren wir den Sangha Fluss, um auf der anderen Seite unseren Fahrer zu treffen. Die anschließende Fahrt führt mehrere Stunden über eine schmale, zunehmend holprige Piste tief hinein in den kongolesischen Regenwald. Menschen begegnen wir unterwegs kaum.

Nach etwa drei bis vier Stunden erreichen wir schließlich Bomassa, ein kleines Dorf mitten im Regenwald. In der Parkbasis werden wir herzlich empfangen und beziehen ein gemütliches Zimmer im Gästehaus. Den Abend verbringen wir in einem kleinen Restaurant direkt am Ufer des Sangha Flusses. Während die Sonne langsam hinter dem dichten Grün des Regenwaldes verschwindet, erzählen uns mehrere Dorfbewohner, dass Waldelefanten zeitweise bis ins Dorf kommen. Entsprechend gespannt beobachten wir die Umgebung. Leider bleibt uns die Begegnung mit den Dickhäutern an diesem Abend verwehrt. Dafür entschädigen uns die zahlreichen Affen, die üppig grüne Vegetation und das beeindruckende Konzert der tropischen Vogelwelt.

Am nächsten Morgen steht zunächst ein Covid Test auf dem Programm. Anschließend fahren wir weiter zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Mit dabei sind unser Guide Jean Marie und mehrere Mitarbeiter des Parks, die uns während der kommenden Tage begleiten werden.
Nun kommen endlich die in Ouésso gekauften „Wasserschuhe“ zum Einsatz. Dabei handelt es sich um einfache Plastiksandalen, die mehr oder weniger gut an unseren Füßen sitzen. Kaum losgelaufen, verstehen wir auch, warum diese Schuhe notwendig sind. Der Weg führt durch sumpfiges Gelände, das Wasser reicht uns stellenweise bis zu den Knien. Zu sehen, wohin man tritt, ist praktisch unmöglich. Nach diesem ersten feuchten Abschnitt wandern wir weitere zwei Stunden durch den Wald, bis wir Mondika erreichen.

Mondika ist eine der ältesten Forschungsstationen für westliche Flachlandgorillas inmitten eines der unberührtesten Wälder des Kongobeckens. Ein idylisches Plätzchen, ein Bach fließt durch das Camp und bietet eine erfrischende Badegelegenheit. Ein Elektrozaun schützt vor ungebetenen Gästen.

Dass dieser Schutz durchaus sinnvoll ist, wird uns noch am selben Abend bewusst. Aus der Dunkelheit hören wir plötzlich die Geräusche eines Elefanten, der den Bach überquert. Zu sehen bekommen wir ihn allerdings nicht. Die Nacht im Regenwald ist stockfinster.
Von Mondika aus brechen täglich einheimische Fährtenleser in den Wald auf. Ihre Aufgabe besteht darin, die verschiedenen Gorillagruppen aufzuspüren und deren Verhalten zu beobachten sowie wissenschaftlich zu dokumentieren. Voraussetzung dafür ist die sogenannte Habituierung, also die Gewöhnung der Tiere an die Anwesenheit von Menschen. Dieser Prozess dauert rund zwei Jahre und gilt als aufwendig, schwierig und teilweise gefährlich. Erst wenn die Gorillas die Menschen als harmlosen Bestandteil ihrer Umgebung akzeptieren, können Forscher ihr natürliches Verhalten aus nächster Nähe beobachten.

Sobald die Fährtenleser die Gorillagruppe gefunden haben, kehrt einer von ihner ins Camp zurück und holt uns ab. Vor dem Aufbruch steht erneut ein Covid Test an. Dann geht es hinein in den Wald.

Innerhalb kürzester Zeit verlieren wir jede Orientierung. Gefühlt laufen wir möglichst geräuscharm kreuz und quer durch dichtes Unterholz, über Wurzeln und über zahllose sich kreuzende Pfade. Nach etwa einer Stunde fordert uns unser Guide auf, den Mundschutz aufzusetzen. Die Spannung steigt.
Wir lauschen und schauen uns suchend um. Dann ist es plötzlich so weit. Keine zehn Meter von uns entfernt sitzt ein Gorilla. Was für ein beeindruckendes Lebewesen!

Der Silberrücken, Anführer und Beschützer der Gruppe, ist unglaublich mächtig. Gelassen sitzt er im Unterholz und widmet sich seiner Mahlzeit. Immer wieder verändert er seine Position, und wir folgen ihm durch das Dickicht. Als er schließlich auf einen Baum klettert, endet unsere Verfolgung aus nachvollziehbaren Gründen am Boden.

Die komplette Gruppe, etwa zehn Tiere, sitzt mittlerweile über uns. Einige Äste biegen sich unter ihrem Gewicht erstaunlich weit nach unten. Unweigerlich fragen wir uns, ob die Tiere instinktiv wissen, wie weit sie hinaus klettern können. Genau in diesem Moment passiert es. Ein Ast bricht und ein Gorilla stürzt schätzungsweise zehn Meter in die Tiefe.
Unser Guide erklärt uns später, dass solche Unfälle immer wieder vorkommen und mitunter sogar tödlich enden können. Die Forscher greifen jedoch nicht ein und leisten auch keine medizinische Hilfe. Die Tiere leben wild, und genauso soll das bleiben. Glücklicherweise scheint der abgestürzte Gorilla diesen Zwischenfall unbeschadet überstanden zu haben.
Nochmals sei erwähnt, alles ist hier sehr dicht bewachsen, was uns leider auch oft die Sicht auf diese imposanten Tiere nimmt. Und Mücken gibts. Sooo viele Mücken. Unvorstellbar viele Mücken. So fällt uns der Abschied nach der uns erlaubten Beobachtungszeit von einer Stunde nicht allzuschwer. Voller Euphorie laufen wir zum Camp zurück und lassen die Eindrücke noch lange auf uns wirken.
Am Nachmittag nimmt uns Jean Marie erneut mit in den Wald. Diesmal geht es weniger um Tiere als um die faszinierende Pflanzenwelt des Regenwaldes. Geduldig erklärt er verschiedene Baumarten, Heilpflanzen und die Bedeutung des Waldes für die Menschen vor Ort.

Während der gesamten Wanderung macht er uns immer wieder darauf aufmerksam, dass Waldelefanten die gefährlichsten Tiere des Regenwalds seien. Regelmäßig bleiben wir stehen und lauschen aufmerksam in die Stille des Waldes. Gegen Ende der Tour weist uns der begleitende Fährtenleser auf die einsetzende Dämmerung hin. Es sei Zeit zurückzukehren. Die Wahrscheinlichkeit, nun auf Elefanten zu treffen, steige deutlich an. Elefantenalarm.
Nach einer weiteren Nacht in unserem Zelt beginnt am nächsten Morgen die Rückreise. In der Nacht hat es heftig geregnet. Die Piste hat sich in eine schlammige Rutschbahn verwandelt. Stellenweise fühlt es sich tatsächlich an, als würden wir über Eis gleiten. Immer wieder rutscht das Fahrzeug seitlich weg, während wir uns über Schlaglöcher und durch tiefe Spurrinnen kämpfen.
Am Nachmittag erreichen wir schließlich wieder Ouésso. Wir sind müde und ordentlich durchgeschüttelt, vor allem aber sind wir glücklich.
Die Begegnung mit den Gorillas, die Tage mitten im Regenwald und die unglaubliche Natur des Kongobeckens werden uns noch lange in Erinnerung bleiben.
Viel Spaß beim Anschauen der Fotogalerie. Wenn du ein Bild anklickst, werden die einzelnen Aufnahmen größer dargestellt.




Ihr Lieben,
wow, sind DAS tolle Erlebnisse. Gorillas in freier Natur, Hammer!
Ich bin total beeindruckt, was Ihr alles erlebt…
Klasse und liebe Grüße z. Zt. aus Leipzig…
Mario
Hallo Mario,
das war wirklich ein ganz besonderes Erlebnis.
Viele Grüße
Matthias
Was für ein tolles Erlebnis, diese Tiere in freier Wildbahn zu sehen. So beeindruckend
Hallo Christina,
schön von dir zu lesen. Ja, es war eine sehr intensives Erlebnis.
Liebe Grüße
Matthias