Kamerun – Horror-Verkehr und unberührte Natur

Sobald wir das kleine Hafenstädtchen Idenau erreichen, breitet sich hektische Betriebsamkeit aus. Als Erstes verlassen unsere Reisepässe das Schiff. Anschließend müssen Gepäck und Fahrräder über mehrere Boote hinweg an Land transportiert werden. Während Matthias mit dem Transport beschäftigt ist, macht sich Katrin auf die Suche nach unseren Pässen.

Begleitet von einem Grenzbeamten, oder vielleicht war es auch ein Polizist, werden wir zu verschiedenen kleinen Bretterbuden geführt. Nach einigen Stationen halten wir schließlich den Einreisestempel in den Händen und bekommen unsere Pässe zurück. Willkommen in Kamerun!

Mittlerweile ist es bereits Nachmittag, und unser Tagesziel Limbé liegt noch rund 40 Kilometer entfernt. Kaum haben wir Idenau hinter uns gelassen, werden wir von einer traumhaft schönen Landschaft empfangen. Üppige Vegetation in unzähligen Grüntönen säumt die Straße. Schilder warnen vor Waldelefanten, und ganz nebenbei entdecken wir wieder einmal einen Sticker aus der Heimat.

 

Nach etwa der Hälfte der Strecke überrascht uns ein heftiger Regenschauer. An Weiterfahren ist nicht zu denken, also suchen wir Zuflucht in einer Unterkunft direkt an der Straße. Am nächsten Morgen legen wir die verbleibenden Kilometer bis Limbé zurück.

Da wir noch genügend Zeit haben, schauen wir uns in der Stadt etwas um. Der botanische Garten wirkt leider etwas in die Jahre gekommen. Der Verfall ist vielerorts unübersehbar. Eine aggressive Schnackenattacke verkürzt unseren Aufenthalt zusätzlich, sodass wir uns bald Richtung Strand aufmachen.

Unsere Erwartungen sind hoch. Uns wurde mehrfach erzählt, wie schön es hier sei und dass man direkt am Meer fangfrischen Fisch genießen könne. Die Realität trifft uns jedoch völlig unerwartet. Der Strand ist großflächig mit Müll übersät. Für uns ist der Anblick nicht nur enttäuschend, sondern abschreckend. Offenbar wird diese Tatsache von vielen Einheimischen ausgeblendet. Zwischen Plastikabfällen und anderem Unrat werden Pferdeausritte und Quadfahrten angeboten. Sogar Tische zum Essen stehen mitten im Müll.

Zum Glück erleben wir an diesem Tag auch noch eine positive Überraschung. Wir entdecken ein libanesisches Restaurant und genießen die hervorragenden Spezialitäten der Küche. Ein echter Lichtblick.

Die nächsten drei Tage verbringen wir am Mount Cameroon. Darüber berichteten wir bereits separat in einem eigenen Beitrag.

Unser nächstes Etappenziel ist Douala, die größte Stadt Kameruns. Je näher wir der Metropole kommen, desto konzentrierter müssen wir fahren. Der Verkehr nimmt stetig zu, viele Verkehrsteilnehmer fahren äußerst offensiv, teilweise aggressiv, und der Blick in den Rückspiegel wird zur Dauerbeschäftigung.

In einem deutschen Seemannsheim finden wir schließlich eine kleine Oase der Ruhe. Lange währt die Erholung allerdings nicht. Bereits am nächsten Morgen geht es wieder hinaus aus der Stadt. Die ersten 20 Kilometer bis an den Stadtrand gehören zu den unangenehmsten Abschnitten unserer Reise: Lärm, Abgase, dichter Verkehr und höchste Konzentration. Einfach nur anstrengend.

Auffällig sind die zahlreichen Verkehrsunfälle, die wir unterwegs sehen. Unweigerlich stellen wir uns die Frage, ob dies mit dem offensichtlich weit verbreiteten Alkoholkonsum zusammenhängt. So beobachten wir beispielsweise einen uniformierten Polizisten, der am Abend im Restaurant innerhalb kürzester Zeit einen ganzen Tetrapak Wein leert. An anderer Stelle treffen sich morgens an einer Tankstelle Polizisten, Militärangehörige und andere Männer zum Biertrinken. In vielen Dörfern sehen wir häufig vor allem Männer egal zu welcher Tageszeit neben einer Bierflasche herumsitzen. Einige unangenehme Begegnungen mit alkoholbedingter Enthemmung erleben wir ebenfalls und müssen diese konsequent abwehren.

Unsere Route nach Yaoundé führt über Edéa und Ndjolé Nkong. Der Schwerlastverkehr bleibt zunächst unser ständiger Begleiter. Umso größer ist die Freude, als die letzten rund 80 Kilometer vor der Hauptstadt über einen Autobahnabschnitt führen, der für Lastwagen gesperrt ist. Plötzlich ist es ruhig. So ruhig, dass wir unsere Mittagspause entspannt am Straßenrand verbringen und die ungewohnte Stille genießen.

 

Yaoundé wird auch die Stadt der sieben Hügel genannt. Für Radfahrer klingt das weniger romantisch, als es vielleicht gemeint ist. Nach den vielen Höhenmetern der vergangenen Wochen gönnen wir uns deshalb ein paar Tage Pause in einem Airbnb und kümmern uns um organisatorische Dinge.

Zunächst besuchen wir das Außenministerium Kameruns. Unser Visum läuft in einer Woche ab, und wir befürchten, dass die verbleibende Zeit bis zur Ausreise knapp werden könnte. Daher möchten wir eine Verlängerung beantragen. Vor Ort stellt sich jedoch heraus, dass dies deutlich aufwendiger, zeitintensiver und teurer ist als erwartet. Nachdem wir uns ausführlich über die möglichen Konsequenzen einer Überschreitung informiert haben, entscheiden wir uns gegen eine Verlängerung.

Besonders positiv bleibt uns dabei der zuständige Beamte in Erinnerung. Immer wieder liest und hört man von Korruption. Unsere Erfahrungen sehen bislang jedoch anders aus. In all den vielen Tausend Kilometern durch Afrika wurden wir lediglich ein einziges Mal um einen kleinen Geldbetrag gebeten. Im Außenministerium begegnete man uns stattdessen mit großer Unterstützung. Der Beamte gab uns sogar seine private Telefonnummer und erklärte, wir sollten ihn kontaktieren, falls es bei der Ausreise Schwierigkeiten geben sollte.

Unser nächster Termin führt uns zum Konsulat der Republik Kongo, wo wir unser nächstes Visum beantragen. Der Ablauf verläuft erfreulich unkompliziert. Lediglich ein Feiertag sorgt dafür, dass wir einen Tag länger in Yaoundé bleiben als geplant.

Dann beginnt eine unserer schönsten Etappen in Kamerun.

Von Yaoundé bis zur Grenzstadt Ntam liegen knapp 500 Kilometer und rund 6.000 Höhenmeter vor uns. Mit jedem Kilometer, den wir uns von der Hauptstadt entfernen, wird der Verkehr weniger. Die Landschaft wird grüner, der Straßenrand dichter bewachsen, und zunehmend bestimmen die Geräusche des Waldes die Atmosphäre.

Manchmal finden wir in kleinen Städten oder Dörfern eine Unterkunft, manchmal übernachten wir mitten im Nirgendwo. In den ländlichen Regionen ist die Stromversorgung oft stark eingeschränkt. Häufig gibt es nur zwischen 18 und 21 Uhr Strom. Dann werden Kühlschränke heruntergekühlt, Handys geladen und die Musikboxen hervorgeholt. Kurz darauf dröhnen die Beats in voller Lautstärke durch die stockfinstere Nacht.

Genau solche Momente machen diese Reise für uns aus.

Obwohl wir Tag für Tag dasselbe tun, nämlich Rad fahren, gleicht kein Tag dem anderen. Wir genießen die Stille des Waldes, beobachten das Leben entlang der Straße und freuen uns über die vielen freundlichen Begegnungen. Fast jeder Mensch, dem wir begegnen, winkt uns zu oder begrüßt uns mit einem herzlichen „Bonjour“. Diese Offenheit und Herzlichkeit berührt uns immer wieder.

So kommen wir Kilometer für Kilometer unserem Ziel näher und erreichen schließlich einen Tag vor Ablauf unseres Visums die Grenzstadt Ntam.

 

 

Zwei Dinge sind uns in Kamerun besonders aufgefallen.

Zum einen begegnen wir auffallend vielen Menschen mit Albinismus. Anfangs fragen wir uns, ob uns dies lediglich aufgrund ihres Erscheinungsbildes stärker auffällt. Nach etwas Recherche erfahren wir jedoch, dass Albinismus in vielen Regionen Afrikas tatsächlich häufiger vorkommt als in Europa. Dennoch ertappen wir uns manchmal dabei, unwillkürlich ein zweites Mal hinzusehen z.B. bei einer Albinofrau mit einem schwarzen Baby auf dem Rücken.

Zum anderen begegnen wir immer wieder dem sogenannten Bushmeat. Darunter versteht man Wildtiere, die im Busch gejagt und anschließend verkauft oder verzehrt werden. Das Spektrum reicht von Schlangen und Ratten über Gürteltiere bis hin zu Affen oder Antilopen. Vieles davon sehen wir auf Märkten oder am Straßenrand angeboten, oftmals noch eindeutig als Tier erkennbar. Für uns ist dieser Anblick gewöhnungsbedürftig und nicht besonders angenehm.

Kamerun ist das erste Land auf unserer Afrika-Reise, in dem wir über lange Strecken ausgedehnte Wälder, weitgehend unberührte Natur sowie viel Einsamkeit und Ruhe erleben durften. Gerade diese Kombination hat das Land für uns besonders gemacht.


Viel Spaß beim Anschauen der Fotogalerie. Wenn du ein Bild anklickst, werden die einzelnen Aufnahmen größer dargestellt.

 

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