Namibia – der Süden
Weiter geht’s auf Schotterpisten. Wir dachten eigentlich, wir hätten inzwischen alle möglichen Varianten davon kennengelernt. Weit gefehlt! Was uns auf den nächsten Etappen erwartet, stellt unsere Kräfte und unser Durchhaltevermögen noch einmal ordentlich auf die Probe.
Teilweise kommen wir nur mit 5 km/h oder sogar noch langsamer vorwärts. Für die nächste Etappe von rund 65 Kilometern brauchen wir tatsächlich den ganzen Tag. Wir kämpfen uns durch Sand, Kies und extreme Wellblechpisten. Very bumpy! Verzweiflung und der eine oder andere Wutausbruch gehören inzwischen zum Tagesprogramm. Im krassen Gegensatz zu unserem mühsamen Vorankommen steht die fantastische Landschaft. It is amazing. So beautiful!

Kurz vor dem Ende unserer Tagesetappe hält in einiger Entfernung ein Auto. Eine Person steigt aus und stellt sich uns in den Weg. In den Händen hält sie Weintrauben und kann kaum glauben, dass hier tatsächlich zwei Menschen mit dem Fahrrad unterwegs sind. Wir werden mit Weintrauben, einem Apfel, Bonbons und jeder Menge Bewunderung bedacht. Eine willkommene Stärkung nach diesem anstrengenden Tag.
Unser nächster Gastgeber erzählt uns, dass es in der Gegend vergleichsweise viel geregnet hat. Nach sieben Jahren ohne Regen gab es in diesem Winter einige Schauer. Statt des sonst vorherrschenden eintönigen Braun von Sand und Geröll blüht die Wüste. Was für ein Glück, dass wir gerade jetzt hier unterwegs sind. Auf einer Rangerfarm dürfen wir unser Zelt aufbauen. Eine Dusche mit dem Wasserschlauch war selten so willkommen.

Leider hat sich der Straßenzustand über Nacht nicht verändert. Auch heute kämpfen wir uns die nächsten 50 Kilometer Stück für Stück vorwärts. Endlich erreichen wir eine Lodge, wo wir uns auf kühle Getränke und ein leckeres Abendessen freuen. Doch bei unserer Ankunft ist weit und breit niemand zu sehen. Alles wirkt wie ausgestorben. Welch eine Enttäuschung!
Zumindest finden wir einen funktionierenden Wasserhahn. Die Wasserversorgung ist also gesichert. Nach etwa zwei Stunden taucht schließlich der Bruder des Besitzers auf. Er öffnet uns eine kleine Hütte und organisiert kalte Getränke. Herrlich, wie die nach dieser Tortur die Kehle hinunterlaufen.
Am nächsten Morgen geht es wieder auf die Straße. Und siehe da, heute funktioniert unser Wunschdenken tatsächlich. Ab der Abzweigung zur Lodge ist der Straßenzustand unvergleichlich besser. Die Räder rollen wieder, und wir kommen endlich vernünftig voran. Lediglich der kräftige Gegenwind macht uns heute zu schaffen. An einer der wenigen Kreuzungen in dieser Gegend gibt es ein paar Häuser, einen Campingplatz, eine Tankstelle und ein Restaurant. Rundherum nichts als die unermessliche Weite der Wüste, im Hintergrund einige kleinere Berge. Einfach toll!

Weiter geht’s auf einer frisch planierten Schotterstraße. Nach etwa 20 Kilometern stehen wir vor einer Entscheidung: Fahren wir bequem auf der guten Piste weiter oder nehmen wir eine angeblich besonders schöne Straße durch eine der schönsten Landschaften Namibias? Allerdings wird uns gleich dazu gesagt, dass der Straßenzustand nicht besonders gut sei. Nach den Erfahrungen der letzten Tage und angesichts unserer allmählich schwindenden Motivation für weitere Wellblechpisten entscheiden wir uns für die bequemere Variante.
Zur Mittagszeit entdecken wir in der Ferne einen einzelnen Baum, der uns Schatten verspricht. Perfekt für die Mittagspause. Doch die Freude währt nicht lange, denn ein Bus mit einer kleinen Touristengruppe fährt vor und parkt direkt neben „unserem“ Baum.
Macht nichts, denken wir, dann setzen wir uns eben dazu. Und was für eine schöne Überraschung! Die Gruppe begrüßt uns herzlich und lädt uns kurzerhand ein, an ihrem Mittagessen teilzunehmen. So kommen wir unverhofft zu einer leckeren Mahlzeit und gekühlten Getränken. Dazu gibt es nette Gespräche und eine willkommene Abwechslung zum einsamen Radleralltag. Ach, war das schön!
Nach einigen gemeinsamen Fotos heißt es schon wieder Abschied nehmen. Kurz darauf biegen wir auf einen ziemlich ruppigen Feldweg ab, der uns über weitere fünf Kilometer zu unserem nächsten Campingplatz führt. Dort begrüßt uns Jörn, der Deutsch spricht. Der Campingplatz liegt noch weiter draußen, weit abseits jeglicher Zivilisation. Die Ausstattung ist einfach: ein offenes Häuschen mit Dusche und WC, mehr gibt es nicht. Nach unserem Abendessen aus der Dose genießen wir dafür einen gigantischen Sternenhimmel. Hier draußen ist es nachts stockfinster, und die Sterne scheinen zum Greifen nah.

Am nächsten Morgen kommt Jörn mit seinem Pick-up vorbei. Wir laden unsere Fahrräder auf und lassen uns zurück zur Hauptstraße bringen. Auf der kurzen Fahrt fragen wir ihn neugierig, womit er und seine Familie in dieser abgelegenen Gegend eigentlich ihren Lebensunterhalt verdienen. Er erzählt uns, dass er Lammfelle produziert und diese nach Finnland exportiert. Das mag für manche etwas grausam klingen, interessant ist es allemal.
Unser nächstes Ziel hat endlich wieder einen Namen: Herminghausen. Wobei man bei dieser Ansiedlung nicht gerade von einer Stadt sprechen kann. Es gibt ein paar Häuser, eine Tankstelle, ein Hotel mit Camping und einen kleinen Laden, dessen Angebot ziemlich überschaubar ist.
Der Weg dorthin führt uns zunächst durch sehr hügeliges und kurvenreiches Gelände. Eine wohltuende Abwechslung nach den endlosen Geraden der vergangenen Tage. Am nächsten Tag sieht die Sache schon wieder anders aus. Es geht stundenlang geradeaus, die Landschaft ist flach und bietet vergleichsweise wenig Abwechslung. Die Weite ist nach wie vor beeindruckend, aber die außergewöhnlich schönen Landschaften der vergangenen Etappen fehlen uns ein wenig.

In Bethanie, einem kleinen Städtchen, gönnen wir uns schließlich eine schöne Lodge. Endlich wieder ein richtiges Zimmer und ein gutes Essen! Das genießen wir in vollen Zügen. Am nächsten Morgen erwartet uns ein üppiges und leckeres Frühstück. Wir lassen es gemütlich angehen und nehmen uns Zeit, bevor wir wieder aufbrechen. Große Anstiege stehen nicht an, die Gravelstraße ist gut zu befahren, und bis zu unserem nächsten Ziel sind es nur etwa 45 Kilometer.
Unser Ziel sind die alten Kalköfen. Dort hat sich ein Ehepaar eine kleine Lodge mit mehreren Häuschen, einem Pool, einer Kapelle und einer besonderen Leidenschaft aufgebaut: der Anzucht von Lithops.
Lithops sind faszinierende kleine Pflanzen, die aussehen wie Steine. Man könnte meinen, sie wollten sich möglichst unsichtbar machen. Tatsächlich haben sie sich im Laufe der Evolution perfekt an ihre trockene Umgebung angepasst. Ihr steinähnliches Aussehen hilft ihnen, nicht von durstigen Tieren entdeckt und gefressen zu werden.

Die Pflanzen sind klein und kompakt und bestehen meist aus zwei dicken, fleischigen Blättern, die oben einen charakteristischen Spalt bilden. Dieser schützt das empfindliche Pflanzeninnere vor der intensiven Sonne und der extremen Hitze. Im Herbst überraschen die Lithops dann mit wunderschönen Blüten, die an kleine Gänseblümchen erinnern. Auch die Farbenvielfalt ist beeindruckend. Von Grün und Grau über Lila und Rosa bis hin zu Beige ist alles dabei. Man könnte meinen, jemand hätte eine Schachtel bunter Kieselsteine ausgeschüttet.
Nach hervorragender Verpflegung und einem zusätzlichen Ruhetag reisen wir weiter über Seeheim und machen einen Abstecher nach Keetmanshoop. Die Kleinstadt bietet uns die Gelegenheit, ein paar Besorgungen zu erledigen und wie an anderen Stellen in Namibia bereits die Hinterlassenschaften deutscher Kolonialgeschichte zu bestaunen.
Unser nächster Campingplatz liegt an einem Staudamm. Die Ausstattung ist überschaubar: eine Hütte mit Dusche und WC. Außer uns ist niemand da.

Am nächsten Tag geht es weiter geradeaus durch die Wüste. Der nächste Campingplatz kündigt sich allerdings schon Kilometer im Voraus an. Und zwar mit einer ganz besonderen Attraktion: Apfelkuchen!
Am Ziel werden wir vom Ehepaar, das den Campingplatz betreibt, herzlich empfangen. Der Platz selbst wirkt ein wenig zusammengebastelt, hat aber gerade dadurch seinen ganz eigenen Charme. Überall entdecken wir kleine, nette Details und originelle Hingucker. Am Abend nehmen wir auf der Ladefläche eines Lastwagens Platz und genießen den Sonnenuntergang. Als es dunkel wird, breitet sich über uns wieder dieser unglaubliche Sternenhimmel aus. Was für ein schöner Abschluss des Tages.

Am nächsten Tag werden wir auf dem Weg zum Fish River Canyon von einem Bus mit einem großen Fahrradanhänger überholt. Kurz darauf sehen wir, wie die Fahrräder ausgeladen werden. Die Radfahrer begleiten uns ein Stück des Weges, allerdings ganz ohne Gepäck. Ein wenig Neid kommt da schon auf.
Wir biegen auf den letzten Campingplatz vor dem Nationalpark ab. Leider bekommen wir nur einen Stellplatz ohne Schatten. Bei der Hitze ist an Zeltaufbau zunächst nicht zu denken. Also machen wir es uns bequem, springen zwischendurch in den Pool und finden schließlich ein Paar, das uns am nächsten Tag mit dem Auto in den Nationalpark mitnehmen möchte.

Der Fish River Canyon ist etwa 160 Kilometer lang und bis zu 550 Meter tief. Er gilt als größter Canyon Afrikas und als zweitgrößter Canyon der Erde nach dem Grand Canyon in den USA.
Mit dem Auto fahren wir verschiedene Aussichtspunkte an und staunen immer wieder über die gewaltigen Dimensionen dieser Landschaft. Tief unten schlängelt sich das Flussbett durch die Felsen, während sich vor uns eine atemberaubende Weite öffnet. Ein beeindruckendes Naturwunder, das man mit eigenen Augen gesehen haben muss.

In der Nacht werden wir von einem seltsamen Geräusch geweckt. Es wiederholt sich immer wieder und klingt, als würde sich jemand an unseren Fahrradtaschen zu schaffen machen. Beim ersten Nachsehen können wir allerdings nichts entdecken. Kurz darauf kratzt und schabt es erneut. Diesmal schauen wir genauer hin. Und tatsächlich: Eine unserer Fahrradtaschen liegt etwa zwanzig Meter entfernt. Außerdem hat sie an einer Ecke ein Loch von ungefähr fünf Zentimetern Durchmesser. Vom Kuchen, den wir darin verstaut hatten, ist nur noch ein kleines Stück übrig. Da hat sich wohl ein hungriger nächtlicher Besucher bedient. Wer oder was es genau war, bleibt ein Geheimnis. Die Tasche flicken wir notdürftig mit Gaffatape.

Die Landschaft entlang des Canyons ist unglaublich schön und trotz der wüstenähnlichen Bedingungen erstaunlich abwechslungsreich. Dazu kommen ein weiterer Plattfuß und eine extreme Hitze. Namibia macht es uns wirklich nicht leicht.

Schließlich erreichen wir im Tal Ai-Ais eine Lodge mit Campingplatz und einer heißen Quelle. Und heiß ist hier wirklich wörtlich gemeint: Das Wasser hat stolze 65 °C.
Am nächsten Tag ist es wieder sehr heiß. Die Landschaft ist eher eintönig, und der Wind bläst uns kräftig ins Gesicht. Kurz vor unserem Etappenziel Aussenkehr verändert sich die Umgebung jedoch plötzlich. Die Landschaft wird sattgrün, und so weit das Auge reicht, erstrecken sich riesige Anlagen mit Weinreben. Hier werden in großem Stil Trauben angebaut und bewässert, und zwar mit Wasser aus dem Oranje-Fluss, der uns jetzt bis zur Grenze nach Südafrika begleiten wird.

Unser Campingplatz liegt ein Stück hinter Aussenkehr. Deshalb durchqueren wir zunächst eine Siedlung, die überwiegend aus einfachen Wellblechhütten besteht. In der Siedlung ohne fließendes Wasser, Strom und Abwasser wohnen und leben die Arbeiter der Weinbaubetriebe. Dass es sich dabei ausschließlich um Schwarze handelt, gibt schon mal einen Vorgeschmack auf die Townships in Südafrika. Der Kontrast zu den riesigen grünen Weinbauflächen ringsum ist kaum zu übersehen.

Die nächsten beiden Tage radeln wir am Oranje entlang, der sich durch die Hunsberge schlängelt. Es ist einsam, ruhig und unglaublich schön hier. Der Fluss, die Berge und die karge Landschaft bilden eine beeindruckende Kulisse.

Und dann passiert es tatsächlich: Nach rund 1.000 Kilometern haben wir endlich wieder Asphalt unter den Rädern. Was für ein Gefühl!
Unsere letzten Tage in Namibia stehen ganz im Zeichen des Bergbaus. In Rosh Pinah wird Zink abgebaut und wir finden eine Autosattlerei, die unsere Radtasche fachmännisch repariert.

Ab jetzt erstrecken sich rechts und links der Straße Sperrgebiete. Die Landschaft ist sichtbar umgegraben, und immer wieder weisen Schilder auf verschiedene Minen hin. Hier werden Diamanten abgebaut. Mit kräftigem Gegenwind und Sandverwehungen kämpfen wir uns bis zur letzten namibischen Lodge vor. Dort checken wir ein und lassen unseren letzten Abend in Namibia ausklingen.

Viel Spaß beim Anschauen der Fotogalerie. Wenn du ein Bild anklickst, werden die einzelnen Aufnahmen größer dargestellt.




Da bekomme ich schon Durst beim zuschaun🍺🍺
Wieviel Bier ( Wasser) nehmt ihr denn so mit täglich?