Kongo – der Norden bis Brazzaville
Schon in Kamerun bemerkten wir, wie sich die Umgebung um uns herum langsam veränderte. Je näher wir der Grenze zum Kongo kamen, desto ruhiger wurde es. Die Dörfer wurden seltener, Menschen sah man immer weniger, und die Straße zog sich wie ein graues Band durch grüne Landschaften.
Nach der Grenzüberquerung wurde diese Einsamkeit noch einmal deutlich intensiver. Der Regenwald rückte dicht an die Straße heran, und über lange Strecken fuhren wir gefühlt zwischen zwei grünen Mauern hindurch. Der Verkehr kam fast vollständig zum Erliegen. Im Schnitt begegnete uns vielleicht alle halbe Stunde ein anderes Fahrzeug.

Immer wieder passierten wir kleine Ansiedlungen mit ein paar Hütten am Straßenrand. Von einem richtigen Dorf konnte man meist nicht sprechen. Aber selbst in aus der schäbigsten Hütte schallte uns immer ein freundliches „Bonjour“ entgegen. Besonders laut waren die Kinder, die schreiend und winkend an den Straßenrand gelaufen kamen. Durch ihr Geschrei wurden oft andere Kinder in der Nähe auf uns aufmerksam, wodurch wir manchmal durch ein Spalier winkender Kinder gefahren sind. Teilweise hatten wir im Vorbeifahren gar nicht genug Zeit, um allen zu antworten bzw. uns gleichzeitig in alle Richtungen zu wenden.

Auch der Einkauf in den kleinen Shops und Marktständen war immer wieder ein Erlebnis. Manchmal wurden dort nur einzelne Früchte oder ein paar Bananen angeboten. Die Auswahl in den Läden war überschaubar, und wir freuten uns bereits über eine Flasche Wasser oder ein Brot, das noch nicht ganz hart war. Infrastruktur ist in dieser Region eben dünn gesät. Selbst eine SIM-Karte bekamen wir erst nach rund 60 Kilometern Fahrt in der ersten kleineren Stadt.

Am Morgen wurden wir von einem Zimmernachbarn in unserer Unterkunft angesprochen. Er war Reporter und produzierte, soweit wir das richtig verstanden hatten, gerade einen Werbefilm über den Tourismus im Norden des Kongo. Da kamen ihm zwei ausländische Touristen für ein Interview natürlich wie gerufen. Kurzerhand holte er seine Kamera und los ging es. Katrin glänzte mit ihren Französischkenntnissen, während ich hin und wieder zustimmend nicken durfte. Am Ende tauschten wir unsere Kontaktdaten aus und vereinbarten ein Treffen in Brazzaville.

Vier Tage lang waren wir unterwegs, bis wir schließlich Ouésso erreichten. Die Stadt im Norden des Landes war unser Ausgangspunkt für den Besuch des Ndoki-Nationalparks. Über dieses außergewöhnliche Abenteuer im unberührten Regenwald haben wir bereits in einem eigenen Beitrag berichtet.
Nach den Tagen in der Wildnis des Nordens ging es für uns weiter Richtung Süden. Die Landschaft blieb zunächst unverändert: Links und rechts dichter tropischer Regenwald, dazwischen eine gut ausgebaute Asphaltstraße. Nach zwei Tagen erreichten wir das Camp Imbalanga im Odzala-Kokoua-Nationalpark. Dieser Nationalpark zählt zu den ältesten Afrikas und ist für seine außergewöhnliche Artenvielfalt bekannt. Das Konzept unterscheidet sich allerdings deutlich von dem des Ndoki-Nationalparks.

Rund um das Camp liegen zahlreiche sogenannte Bais. Das sind natürliche Lichtungen im Regenwald, auf denen mineralreiche Böden und Wasserstellen die Tiere anziehen. Die Tiere kommen hierher, um zu fressen, Salz aufzunehmen oder zu baden. An den Rändern dieser Lichtungen wurden einfache Beobachtungshütten auf Pfählen, ein bisschen vergleichbar mit Hochsitzen bei uns, errichtet. Dort sitzt man stundenlang still und wartet, dass etwas aus dem Wald auftaucht.

Die Tiere sind vollkommen wild und nicht an Menschen gewöhnt. Es gibt keine Garantie auf Sichtungen. Man braucht Geduld und auch ein bisschen Glück. Wir sahen erneut Gorillas, verschiedene Affenarten und viele weitere Tiere. Mit Elefanten hatten wir allerdings kein Glück. Abgesehen von zahlreichen Spuren in Form großer Kackhäufen und Fußabdrücke bekamen wir keinen einzigen zu Gesicht.
Ein Höhepunkt in diesem Nationalpark war eine Bootstour auf einem unberührtem Fluss, der sich durch den Regenwald windet. An den Außenseiten seiner Schleifen gräbt sich das Wasser bis an die Wurzeln der Urwaldriesen heran. Irgendwann stürzen diese dann in den Fluss. Die Fahrt wurde dadurch zu einer ständigen Suche nach dem besten Weg zwischen den umgestürzten Bäumen hindurch. Hin und wieder blieben wir auch an einem unter der Wasseroberfläche verborgenen Ast hängen.

Die umgestürzten Bäume dienen gleichzeitig als perfekte Ruheplätze für die dort lebenden Krokodile. Zum Glück waren diese eher klein. Sobald wir uns näherten, ließen sie sich ins Wasser fallen und verschwanden lautlos.

Die Wanderung zum Ausgangspunkt der Bootsfahrt beinhaltete auch einige feuchte, sumpfige Passagen. Dummerweise hatten wir unsere schönen „Wasserschuhe“ nach dem Ndoki-Besuch bereits verschenkt. Also mussten wir uns mit Tape und Plastiktüten über unseren Schuhen behelfen. Das hat auch bis wir im Boot saßen hervorragend funktioniert. Doch dann setzte ein heftiger Regen ein, der über Stunden anhielt. Schon bald standen unsere Schuhe und Füße komplett unter Wasser.
Ein kleiner Trost blieb uns immerhin: Die anderen Teilnehmer waren zwar mit Gummistiefeln ausgerüstet gewesen, mussten diese am Ende der Tour aber ebenfalls voller Wasser ausleeren.
Alles in allem war dieser Nationalpark eine völlig andere Erfahrung als der Ndoki-Nationalpark, aber mindestens genauso intensiv und beeindruckend.
Nach diesen sehr erlebnisreichen Tagen mitten im Regenwald machten wir uns auf den Weg nach Brazzaville. Mit jedem Kilometer veränderte sich die Landschaft ein wenig. Der dichte Wald wurde langsam lichter, die Ansiedlungen häufiger und die kleinen Dörfern wurden nach und nach lebendige Kleinstädte.
In Oyo fiel uns sofort das geschäftige Treiben auf. Die Straßen waren alle wie geleckt. Überall wurde gekehrt und aufgeräumt, die Randsteine waren frisch rot und weiß gestrichen, und die Hotels waren ungewöhnlich gut besucht. Zunächst konnten wir uns keinen Reim darauf machen. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass an einem der nächsten Tage die Hochzeit einer Tochter des Präsidenten stattfinden sollte. Da die Präsidentenfamilie aus Edou, einem Ort in der Nähe von Oyo, stammt, war die Stadt das Zentrum der Feierlichkeiten. Am folgenden Tag wurde uns erst bewusst, welche Dimension diese Veranstaltung hatte. Unzählige schwarze SUVs, Militärfahrzeuge und Begleitfahrzeuge kamen uns auf der Straße entgegen. Ganze Kolonnen bewegten sich Richtung Oyo.
Wo wir gerade beim Thema Sauberkeit sind: Das war etwas, das uns im Kongo generell sehr positiv auffiel. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Region liegt sehr wenig Müll herum, insbesondere Plastikmüll sieht man nur selten. Rund um das eigene Anwesen wird regelmäßig gekehrt und Müll wird nicht einfach fallen gelassen. Ein möglicher Grund dafür ist die weite Verbreitung von Pfandflaschen für Getränke. Gleichzeitig werden deutlich weniger Plastiktüten verwendet als in vielen Nachbarländern. Stattdessen bekommt man Einkäufe häufig in Papiertüten oder sie werden ganz einfach in große Blätter eingewickelt.

Kurz vor Brazzaville hatten wir noch eine besondere Begegnung. Nach einem längeren Anstieg hielten wir am Ortseingang eines kleinen Dorfes an, um kurz etwas zu trinken. Kaum standen wir, kam ein Mann auf uns zu und erklärte uns, wir sollten doch bitte mit zum „Chef de Village“ kommen.
Etwas überrascht, aber neugierig folgten wir ihm. Wenige Minuten später standen wir vor der Hütte des Dorfchefs. Dieser empfing uns mit großer Freundlichkeit und Höflichkeit. Nach einer kurzen Begrüßung reichte er uns ein schlichtes DIN-A5-Heft. Dabei handelte es sich um das „Goldene Buch“ des Dorfes. Wir entdeckten zahlreiche Einträge anderer Besucher und Reisender, die hier im Laufe der Jahre vorbeigekommen waren. Der Dorfchef bat uns, ebenfalls ein paar Zeilen zu hinterlassen. Diesen Wunsch erfüllten wir natürlich gerne.
Viel Spaß beim Anschauen der Fotogalerie. Wenn du ein Bild anklickst, werden die einzelnen Aufnahmen größer dargestellt.



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