Nigeria – Tolle Menschen, Roadtrip pur
Unsere Erwartungen an Nigeria waren groß und ehrlich gesagt auch die Befürchtungen. Der langwierige Prozess der Visa-Erteilung sowie die zahlreichen Reisewarnungen und Sicherheitshinweise haben ihr Übriges dazu beigetragen.
Doch am Ende kam alles ganz anders als gedacht. Schon der Grenzübertritt und der Kauf der SIM-Karten verliefen völlig problemlos. Geld hatten wir ebenfalls genug dabei, zumindest zahlenmäßig und nach Anzahl der Scheine. Mehr als eine Million Naira klingt schließlich erstmal nach einer ganzen Menge.

In Nigeria funktionieren ausländische Kreditkarten an Geldautomaten nicht und auch sonst konnten wir nur ein einziges Mal mit einer unserer Karten bezahlen. Bei einer anderen führte schon der Zahlungsversuch direkt zur Sperrung.
Nigeria ist mit Abstand das bevölkerungsreichste Land Afrikas und das merkt man sofort. Überall sind Menschen unterwegs, vor allem junge Menschen. Wirklich allein waren wir eigentlich nie. In ganz Westafrika leben viele Menschen dicht gedrängt in den urbanen Gebieten, aber Nigeria setzt dem nochmal die Krone auf. Das Durchschnittsalter liegt bei gerade einmal 15 Jahren und wir wurden fast überall respektvoll mit „Ma“ und „Baba“ begrüßt.

Wegen der Sicherheitslage hatten wir beschlossen, Lagos zu umgehen und uns möglichst entlang der großen Straßen zu bewegen. Am ersten Tag ging es über eine gute, wenn auch noch einspurige Straße. Beim ersten Halt an einem der vielen kleinen Shops am Straßenrand dauerte es keine zwei Minuten und wir waren von neugierigen Menschen umringt. Natürlich wollten alle ein Selfie mit uns machen. Auch aus vorbeifahrenden Autos bekamen wir ständig einen Daumen nach oben gezeigt. Das erinnerte uns sofort an Marokko, wo wir zuletzt so viel Offenheit, Freundlichkeit und Interesse erlebt hatten.
Die nächste Etappe führte wegen der weiträumigen Umfahrung von Lagos über eine komplett aufgeweichte Piste. Nach den vorherigen Regenfällen bestand die Strecke fast nur noch aus Pfützen und Schlammlöchern, die man irgendwie umfahren oder möglichst geschickt durchqueren musste. Die größte Herausforderung war dabei immer die Frage: Wie tief ist das Loch wirklich? Einige LKWs steckten bereits fest und wir waren mehr als erleichtert, als endlich wieder Asphalt unter den Reifen war.

Am Abend kamen wir mit komplett eingeschlammtem Gepäck und dreckigen Rädern in einem wirklich schönen Hotel unter. Zum Glück gab es dort einen Stromgenerator, denn das bedeutete Licht, Klimaanlage oder Fan und manchmal sogar warmes Wasser. Inzwischen versuchten wir bei der Hotelauswahl immer darauf zu achten, denn durchgehenden Strom gibt es vielerorts oft nur zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens. In dieser Zeit laufen dann natürlich sämtliche Kühlschränke und Klimaanlagen gleichzeitig, was regelmäßig zu Überlastung und neuen Stromausfällen führt.
Nach einem frühen Frühstück brachten wir am nächsten Morgen unser Gepäck nach unten und erlebten eine echte Überraschung. Der Sicherheitsmann hatte unsere Fahrräder am Abend heimlich gründlich gereinigt. Nach einem großzügigen Trinkgeld konnten wir unsere Reise mit blitzblanken Rädern fortsetzen.

Danach ging es entlang der vierspurigen Autobahn weiter. Eigentlich eine eher langweilige Strecke, wären da nicht die kreativen Erweiterungen der Verkehrsregeln in Nigeria gewesen. Einige davon kannten wir zwar schon aus anderen Ländern Westafrikas, aber hier wurden sie aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens besonders konsequent umgesetzt.
Wenn sich auf den eigenen zwei Spuren Stau bildet oder der Straßenbelag schlecht ist, wird kurzerhand eine zusätzliche Spur auf der Gegenfahrbahn eröffnet. Was bei uns als Geisterfahren gelten würde, ist hier einfach pragmatische Verkehrsoptimierung. Eine weitere beliebte Variante entsteht, wenn ein Wechsel auf die richtige Fahrbahnseite wegen Mittelstreifen oder dichtem Verkehr nicht möglich ist. Dann fährt man eben einfach am Rand der Gegenfahrbahn entlang.

Erhöhte Aufmerksamkeit in Fahrtrichtung ist in diesen beiden Fällen Pflicht, aber es gibt ja auch noch das Überholen und die Spurnutzung. Die linke Spur gehört meist den größten und schwersten Fahrzeugen. Schnellere und kleinere Fahrzeuge überholen die Schwergewichtige rechts. Das bedeutet für uns, die wir langsam auf dem Standstreifen unterwegs sind, ständig aufmerksam den Verkehr hinter uns im Blick zu haben. Der Rückspiegel wird zur Lebensversicherung, denn überholt wird oft mit hoher Geschwindigkeit und ohne großen seitlichen Sicherheitsabstand.

In Benin City, einer der größten Städte Nigerias, gönnten wir uns schließlich einen Pausentag, bevor es weiter über Owerri, Aba und Uyo Richtung Südosten nach Oron an die Küste ging.
Immer wieder entstanden unterwegs wunderschöne Begegnungen völlig spontan. Einmal wollte ich nur kurz ein paar Kekse kaufen und wenige Minuten später standen wir mitten in einer kleinen Menschentraube. Der Verkäufer sprach Deutsch, weil er fünf Jahre in Österreich gelebt hatte. Kurz darauf gesellte sich noch eine Getränkeverkäuferin dazu und plötzlich wollten alle wissen, woher wir kommen, wie lange wir schon unterwegs sind und wie uns Nigeria gefällt. Natürlich durften auch hier die Fotos nicht fehlen. Irgendwann mussten wir uns regelrecht losreißen, sonst würden wir vermutlich heute noch dort stehen.
Von Oron oder Calabar wollten wir mit dem Speedboot oder der Fähre nach Kamerun fahren. Der Landweg ist wegen des Konflikts mit Separatisten im Nordwesten von Kamerun, dem bei uns weitgehend unbekannten Ambazonia War, nur im Konvoi passierbar und für Radreisende praktisch kaum machbar.
Die Fähre verkehrt aufgrund der durch den Iran-Krieg gestiegenen Dieselpreise nur noch einmal im Monat und war leider gerade erst abgelegt. Also blieb uns nur das Speedboot. Vorher mussten wir allerdings noch zum kamerunischen Konsulat in Calabar, um unsere bereits erteilten E-Visa in die Pässe übertragen zu lassen.
Auf der Fähre nach Calabar gelten strenge Sicherheitsvorschriften. Alle Passagiere mussten während der gesamten Fahrt Schwimmwesten tragen. Unsere Westen waren allerdings deutlich zu groß und unter Deck wurde es darin ziemlich schnell unangenehm heiß.

Nach einem zusätzlichen Tag Zwangspause saßen wir schließlich nach einigen weiteren morgendlichen Zwischenfällen endlich im Speedboot. Wobei „losfahren“ relativ war. Bevor das Boot wirklich Fahrt aufnehmen konnte, mussten wir zunächst zwölf Kontrollboote von Zoll, Marine, Polizei und weiteren Behörden passieren. Teilweise wurden unsere Pässe kontrolliert, teilweise die transportierten Waren begutachtet und manchmal schaute einfach nur jemand kurz ins Boot. Eines hatten allerdings alle Kontrollen gemeinsam: Es wurde immer ein Obolus fällig.

Nachdem auch diese letzte Hürde geschafft war, ging es mit Vollgas drei Stunden Richtung Kamerun. Das Boot sprang von Welle zu Welle und knallte jedes Mal hart aufs Wasser. Spaß war das definitiv keiner. Nach gut drei Stunden liefen wir erschöpft, durchgeschüttelt, aber glücklich im Hafen von Idenau in Kamerun ein.

Viel Spaß beim Anschauen der Fotogalerie. Wenn du ein Bild anklickst, werden die einzelnen Aufnahmen größer dargestellt.




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